Würde die Hölle jemand brauchen, der die Fahrstuhltür öffnet und jeden Sünder freundlich begrüßt, dann wäre es wohl César aus dem Film „Sleep Tight“. Zuerst würde man in sein freundlich höfliches Gesicht schauen, sich über die demütig dienende Haltung wundern und sich fragen, was so ein sympathisch ruhiger Mann hier verloren hätte. Nach ein paar Schritten würde man sich umdrehen und erschrecken, welch teuflisch hinterlistiges Grinsen sich auf diesem Gesicht breit macht. Und zählt man zu seinen Opfern, dann wird der Begriff „Hölle“ deutlich spürbar. Denn César ist der wohl böseste Hausmeister, welchen die Welt je gesehen hat und der sein diabolisches Handwerk an einem Apartmenthaus in Barcelona praktiziert.
Mit Sleep Tight ist dem Regisseur Jaume Balaguer ein fieser, kleiner Schocker gelungen, der seine Grausamkeit kammerspielartig zelebriert und wie ein Theaterstück den Horror langsam im Kopf der Zuseher verbreitet, auch, wenn es im Film später einige heftige Szenen geben wird, wo der blutige Gore-Effekt nicht zu übersehen ist.
Regisseur Balaguer feierte sein Spielfilmdebüt 1999 mit The Nameless, führte zusammen mit Paco Plaza Regie bei Rec, einem innovativen Zombieschocker, der ebenfalls wie Sleep Tight nur in einer Apartmentanlage spielt. Rec war so erfolgreich, dass nicht nur Rec 2 darauf folgte, sondern auch eine amerikanische Neuverfilmung unter dem Titel „Quarantäne“. Während sein Regiekollege Plaza mit der Arbeit an Rec 3: Genesis beschäftigt ist, hat Balagueró Sleep Tight fertig gestellt.
Der Film handelt von einem Hausmeister in Barcelona, der hinter seiner ruhigen Fassade, ein tragisch grausames Schicksal verbirgt. Er kann nicht glücklich sein, will es auch gar nicht. Seine Energie, Konzentration und letztendlich sein Glück generiert er daraus andere unglücklich zu machen. Die anderen, das sind vor allem die Bewohner des noblen Apartmenthauses in Barcelona, in dem er als Portier arbeitet. Ob er mit gezielten Sätzen über Alter und Tod bei einer allein lebenden, älteren Dame Angst und Unglück schürt oder durch raffiniert eingefädelte Intrigen das Leben von Menschen zerstört, hinter seiner freundlichen Fassade verbirgt sich das Böse, welches nicht eher ruht bis alle in seinem Umfeld unglücklich sind. Am meisten regt ihn das sorglos lächelnde Gesicht der schönen Clara auf. Die scheint das Glück gepachtet zu haben, erscheint jeden Morgen strahlend bei ihm und wünscht ihm einen schönen Tag. Dabei ist diese Clara nicht arrogant oder eingebildet, sie genießt einfach ihre Jugend, ihre Schönheit, hat einen Job, welchen sie liebt und einen Freund, welchen sie heiraten möchte. Ein starker, familiärer Hintergrund ist ebenfalls vorhanden und es scheint als könnte nichts dieses Glück trüben. Sie hat er als sein Meisterstück auserkoren, sie will er brechen und berichtet von den Fortschritten seiner schwer kranken Mutter, die er als einzige einweiht in seine schrecklichen Taten, aus dem Grund heraus sie noch mehr leiden zu sehen als Alter und Krankheit es ohnehin schon bewirken.
Doch anfangs scheint sich Cesar bei Clara die Zähne auszubeißen. Erst am Ende erkennt der Zuseher, welch bösartig perfiden Plan er bei ihr verfolgte. Da der Film sich auf die Hauptfigur konzentriert, wird man gleich zu Beginn als voyeuristischer Komplize in die nächtlichen Aktivitäten von Cesar mitgenommen. Denn das Grauen für Clara beginnt nachts. Seine Boshaftigkeit hebt er sich für die Dunkelheit auf, wo er jede Nacht in ihre Wohnung schleicht und sich so lange unter ihrem Bett versteckt, bis sie eingeschlafen ist. Dann hält er ihr Chloroform unter die Nase, schlüpft unter ihre Bettdecke und verschwindet vor dem Morgengrauen. Doch es hilft nichts, Claras gute Laune ist unerschütterlich. Nun wird er in seinen Mitteln radikaler, es muss ihm gelingen „das Lächeln aus dem Gesicht zu wischen“. Er bombardiert sie mit anonymen obszönen Nachrichten, spritzt ihr eine Flüssigkeit in ihre Gesichtscreme, von der sie Hautausschlag bekommt, verätzt ihre Lieblingsuhr und lässt eine Horde Kakerlakenlarven in ihrer Wohnung frei. Seine Methoden werden drastischer, dabei beginnt er Fehler zu machen. Aber er kann nicht aufhören, bis er seine Mission erfüllt hat. Wenn es nicht anders geht, dann schreckt er auch vor Gewalt nicht zurück.
Neben den langsamen Bildeinstellungen, wo sich angesichts vieler Nahaufnahmen des Hauses das Grauen langsam in das Herz des Zusehers frisst, lebt dieser Film davon nicht auf bloße Schockeffekte zu setzen, sondern den Zuseher zu Cesars Komplizen zu machen. Wie bei einem schrecklichen Verkehrsunfall kann man den Blick nicht von seinen furchtbaren Taten wenden und ertappt sich dabei innerlich mitzufiebern, ob es Cesar gelingt heil aus der Wohnung Claras zu kommen oder böse gegen jenes Mädchen zu sein, welches ihn mit ihrem Wissen erpresst. Dabei wird man immer tiefer in einen Strudel aus einem voyeuristischen Alptraum gezogen, denn Sekunden später fragt man sich, wie man sich nur mit solch einem kaltblütigen Monster identifizieren konnte. Das Spiel mit den Ängsten, dem Voyeurismus des Zusehers funktioniert bei Sleep Tight erstaunlich gut, was vor allem am Hauptdarsteller, dem spanischen Ausnahmeschauspieler Luis Tosar liegt. Ohne ihn funktioniert der Film nicht, er trägt die ganze Geschichte und meistert die überaus schwierige Gradwanderung zwischen unheimlichem Perversling, beliebter Vertrauensperson und tragischem Opfer. Diese drei Gesichter muss und kann Tosar allesamt glaubhaft verkörpern und stimmig miteinander vereinen. Mit der Zeit ist die Bedrohung, die von diesem Mann ausgeht, auf der Leinwand fast schon physisch spürbar. Die konstante Anspannung, die das exakt bemessene Erzähltempo verursacht, nimmt bis zur letzten schockierenden Minute des Films nicht ab und so schafft es der Regisseur mit einfachem Mitteln und einem grandiosen Schauspieler ein kleines Meisterwerk zu schaffen.
Aus dem Streben nach Glück wird hier der pure Alptraum, aus der scheinbar sicheren Wohnung eine tödliche Falle, aus dem geliebten Kind der verhasste Feind, – mit diesem Film hat man einen großen Schritt in die psychischen Abgründe des Menschen getan, – Hitchcock hätte mit diesem Film sicher seine Freude gehabt.