Mit diesem Film ist Regisseur Jo Carnahan eine kleine Kinosensation gelungen. „The Grey“ ist ein Film aus dem Morituri-Genre, – Todgeweihte kämpfen isoliert, fernab der Zivilisation, ums Überleben und kämpfen vor allem gegen die eigenen Ängste. Die Geschichte des Films ist rasch erzählt. Ein Flugzeug, welches eine Gruppe von Arbeitern von ihrer Ölbohrstation wieder zurück in die Heimat bringen soll, stürzt in den weiten Alaskas ab. Wenige überleben das Unglück und sehen sich einer unwirklichen Landschaft ausgesetzt, wo Hunger und Kälte nicht das einzige Problem sind. Eine Horde von Wölfen hat sie gewittert, die Überlebenden befinden sich in ihrem Jagdgebiet und die Tiere haben die Spur von ihnen aufgenommen, eine Fährte aus Angst und Blut. Anfangs sind die Wölfe nichts als kleine Augenpunkte in einer schaurigen Finsternis, später erscheinen sie groß und mächtig auf der Leinwand. Eine jener Szenen, die man wohl nicht vergessen wird, findet unmittelbar nach dem Absturz statt. Ottway entdeckt einen Freund im Flugzeug liegend, schwer verletzt, – er wird verbluten. „Du wirst sterben“, sagt er zu ihm, aufrichtig und schonungslos ehrlich, „aber ich werde dir helfen hinüberzukommen. Wen liebst du am meisten, – hol dir diese Bilder, diese Figuren her, denn diese sollen dich drüben in Empfang nehmen.“ Diese Szene allein ist eine berührende und selten gesehene filmische Anleitung zum Thema Sterbehilfe.
Ohne Plan und Ziel folgen die Männer Ottway. Liam Neeson spielt ihn mit einer natürlichen Führerschaft, die Respekt einfordert und Rebellion provoziert. Die Männer vertrauen ihm, weil er die meiste Erfahrung besitzt und selbst ein Jäger ist, – es war sein Job, das Umfeld der Stationen gegen die Angriffe der Wölfe zu sichern. Die Ironie ist, dass einer, der des Lebens müde war, nun zum Anführer einer Gruppe wird und verbissen versucht alle am Leben zu erhalten. Womit Ottway vor allem Erfahrung hat, ist der Tod. „Don’t be afraid“, diese Worte hat seine Frau immer zu ihm gesagt. In Rückblenden und Erinnerungen sieht er seine Frau immer wieder vor sich, – sie unheilbar an Krebs erkrankt, er untröstlich vor Schmerz und Sorge. Die Beziehungen, die Kommunikation der Lebenden und der Toten, das ist eines der großen Themen in diesem Film. Dies manifestiert sich am Abschiedsbrief, welchen Ottway am Tag vor dem Flugzeugabsturz an seine Frau geschrieben hat, – einzig ein Zufall verhindert, dass sich der lebensmüde Mann mit einer Gewehrkugel selbst von seinem Leiden erlöste. Er hatte den Lauf schon gegen den Mund gedrückt, ausgerechnet das Heulen eines Wolfes hielt ihn davon ab. Dieser Brief taucht im ganzen Film immer wieder auf, – zusammengeknüllt, zerknittert und schmutzig in den groben Händen von Liam Neeson, einem Mann, gezeichnet vom tragischen Verlust. Der ganze Film ist um ihn herumkomponiert, ihm gehören auch die stärksten Momente.
Neben großartigen Schauspielern überzeugt der Film mit seiner atmosphärisch dichten Inszenierung und der atemberaubenden Kulisse Alaskas. Die Wildnis, die Herrschaft der Kälte scheint direkt von der Leinwand in den Kinosaal zu reichen, man meint, dass nasse Holz riechen zu können und immer wieder ist der Zuseher ganz nah an den harten Männergesichtern dran, die um das eigene Überleben kämpfen. Vor allem dem Gesicht von Liam Neeson kommt man so nahe, dass es einen fast schon unangenehm berührt, natürlich auch wegen der nicht zu verdrängenden Überschneidung von Film und Leben. Neeson selbst verlor auf tragische Weise seine Lebensliebe, die umwerfende Schauspielerin Natascha Richardson. Ihn hier nun einen ganzen Film lang zu sehen, wie er einer im Film unwirklich engelsgleichen Frau nach trauert, mit an Selbstaufgabe grenzender Verzweiflung, das geht nahe und verleiht diesem harten Film zusätzlich noch eine Tiefe, die seinesgleichen sucht. Auch die Wölfe sind immer gefährlich nahe, – hungrige Killer, die in ihrem animalischen Instinkt überwältigend tödlich sind. Dazu der Winter, die Kälte. Der Zuseher wird von einem unwirklichen Gefühl ergriffen, dass der brutale Tod unabwendbar scheint, – nicht nur für die Darsteller in diesem Film, sondern für jede menschliche Existenz. Die Übergänge zwischen Leben und Tod sind fließend, die Bilder prägen sich ein. Der geisterhafte Winter. Einsames Schweigen. Eine unendliche Weite zeichnet die Landschaft aus und jeder Schritt in diesem glänzend filigranen Weiß zeigt die schreckliche Schönheit der Natur, wo die Zeit alles einzufrieren scheint. Das seidene Gewebe des Schnees liegt wie ein düsteres Leichentuch über einer trügerischen Leere und bedeckt die wenigen sturmgebeugten Bäume. Die Kälte zerschneidet die Haut wie Messerklingen, sticht hinein mit vergifteten Nadeln und verbrennt sie wie Feuer. Der Film zeigt den Winter als das kälteste aller kalten Ungeheuer.
Zwar würden normale Menschen mit nasser Kleidung im Winter wahrscheinlich an Unterkühlung sterben, Liam Neeson läuft sich hingegen damit einfach warm, doch wer sich angesichts solcher Szenen aufregt, dem sei gesagt, dass es sich hier um einen Kinofilm und keine BBC-Reportage handelt. Wer eine Dokumentation sehen will, ist bei einem Spielfilm völlig falsch und daher sind Kritiken, die auf mangelnden Realismus in der Darstellung der Wölfe oder im Überlebensdrama abzielen, einfach nur fehl am Platz.
„The Grey“ verzichtet bei aller Tiefgründigkeit auf jegliche Form von Sentimentalität und dies ist vor allem Hauptdarsteller Liam Neeson und Regisseur Jo Carnahan zu verdanken. Mit Regisseur und Hauptdarsteller haben sich auch zwei wandlungsfähige Menschen getroffen, – Joe Carnahan gilt als Regie-Chamäleon, der bekannt dafür ist verschiedene Genres neu zu interpretieren und der jetzt mit „The Grey“ sicher seinen eindringlichsten und härtesten Film vorgelegt hat. Kaum zu glauben, dass von ihm der sinnfreie Action-Unsinn „Das A-Team“ stammt, welchen er ebenfalls mit Liam Neeson in der Hauptrolle gedreht hat. Auch Neeson ist bekannt für seine große Wandlungsfähigkeit, aber diese Rolle scheint für ihn mehr zu sein, – er füllt sie mit echtem Leben und wahren Erinnerungen aus. Gedreht wurde auch in keiner Studiokulisse, weder Schnee noch Landschaft wurden digital nachbearbeitet. Man sieht den Darstellern die Kälte und Leere, die Erschöpfung und existenzielle Grenzerfahrung an, in der sie agieren. Der Film ist fast schon philosophisch angehaucht, – behandelt eine Philosophie, die aus der Existenz kommt, wo eine Einheit von Handeln und Denken entsteht und eine Rückführung auf wenige Werte, wenige Gefühle, letztendlich auf Eros und Thanatos, Liebe und Tod stattfindet. Ein Western im Schnee, – ein existenzielles Drama mit Endzeitstimmung, ein Survival-Thriller, nüchtern, archaisch und philosophisch zugleich und ohne jegliche Illusion.
Jede Einstellung in diesem Film besitzt ihren eigenen Rhythmus und Sinn, – gleich zu Beginn wird ein düsterer, zynischer Grundton im Film etabliert und es offenbart sich eine bittere Sicht auf die menschliche Gesellschaft, wenn nicht auf die menschliche Natur selbst. In der abgelegenen Bohrstation in Alaska herrscht das Recht des Stärkeren, doch gerade die gnadenlose Härte erweist sich später im direkten Duell mit den Wölfen als vollkommen nutzlos. Anfangs besitzen die Szenen etwas von einer fürchterlichen, aber durchaus gerechten Rache der Natur für menschliche Anmaßung und Arroganz. Die Attacken der Wölfe werden sehr direkt, ganz nah an der Kamera inszeniert, meist im Dunklen, um dem Zuschauer bewusst die Orientierung zu nehmen. Diesen nächtlichen Aufnahmen setzt der Regisseur immer wieder majestätische Landschaftspanoramen des tief verschneiten Alaskas entgegen, was in jener berührenden Gänsehautszene endet, in der sich ein verletztes Mitglied der Gruppe aufgeben will und bei einem phänomenalen Blick auf die betörend schöne Weite sterbend zurückgelassen wird. Das Bild zeigt ein raues Felsenbett. Kreislauf des Wassers. Und wie ein stummer Wächter erhebt sich ein Berg über einer Ebene, die so schön, so kühl daliegt wie ein blasser Morgen im Frühling noch durchhaucht von Winterkälte. Diese kraftvolle Einstellung ist wunderschön und dennoch tief bedrückend, – in diesem Moment erhält die (selbst-)zerstörerischen Art des Menschen einen Trauerrand und emotionale Erdung.
Dieser Film erzeugt eine Intensität wie ganz wenig Anderes in diesem an Intensität nicht gerade armen Kinojahres. Zum Schluss fügt sich alles perfekt zusammen, man bleibt zurück mit einem unwirklichen Gefühl, – der Schnee, die Kälte, die Trauer, der Tod, die Liebe – dies bleibt noch lange haften, dies schüttelt man nicht einfach ab. - Habe keine Angst, – ist eine der essentiellen Botschaften des Filmes. Bei all dem Schrecken, dem Tod, der Kälte, sollte man keine Angst vor dem Abgrund, der Einsamkeit, der Verzweiflung, vor dem Nichts haben. Denn die letzten Augenblicke des Lebens gehören jenen Menschen, die man am meisten geliebt hat oder immer noch liebt. Die glücklichen Momente sind jene, die man in den wenigen Sekunden vor dem Tod sehen sollte und wenn ein Film es schafft, einen wieder an wahre Liebe und Gefühle zu erinnern, dann wohl „The Grey“.