In Time

Was also ist die Zeit? – Quid est ergo tempus? – Diese Frage hat schon Kirchenvater Augustins gestellt und seit Anbeginn der Menschheit ist dies eine der grundlegendsten Fragen rund um die menschliche Existenz. Antworten darauf wurden immer wieder gegeben, – und jetzt versucht es der Film „In Time“ vom Regisseur Andrew Niccol. Die Frage nach der Zeit wird in diesem Film jedoch nicht philosophisch beantwortet, sondern sehr direkt und gnadenlos, – Zeit ist Geld und damit die neue Währung, die gilt. Und wie auch in der jetzigen Realität besitzen in diesem düsteren Zukunftsszenario einige wenige Menschen Millionen Jahre, während den meisten Bewohnern nur wenige Tage verbleiben. Aufgrund einer genetischen Revolution hören die Menschheit mit 25 zum Altern auf und es verbleibt ihnen dann noch genau ein Jahr Zeit. Zeit dazu gewinnen kann man nur durch Arbeit, durch das Stehlen der Zeit anderer, durch Mord oder auch durch Erbschaft. Schafft man es nicht nach diesem Jahr mehr Zeit zu erhalten, dann hört das Herz auf zu schlagen und man stirbt. Diese Grundidee ist spannend und wird auch deswegen viele Menschen in das Kino locken. Es ist ein Thriller, wo die Protagonisten immer in Lebensgefahr schweben. Die Uhr am Unterarm zeigt die verbleibende Lebenszeit an und dies führt zu einem ständigen Gefühl der Bedrohung, – vor allem, wenn die Figur nur mehr Sekunden zum Überleben hat. Solch eine intensive Idee wurde schon lange nicht mehr im Kino gezeigt und Andrew Nicool ist nicht nur für die Regie verantwortlich, sondern auch für das Drehbuch. Zwar gibt es Parallelen zu „Logans Run“ mit Sir Peter Ustinov, aber Inspiration darf man sich durchaus von vergangenen Filmen holen. Die Idee an sich ist allerdings nicht so neu, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Niccols zeigt in diesem Film eine karge, kalte, graublaue Welt, eine reizentleerte, der alle Farben, alles Leben eigentlich entnommen wurde. Dies wird nicht nur in den staubigen Armenvierteln deutlich, sondern später dann auch in den reichen Distrikten, die in ihrer Kälte und Anonymität einer Geisterstadt gleichen. Alles läuft letztlich auf das neongrüne Schimmern des Countdowns auf dem Unterarm hinaus, nur die darauf verrinnenden Jahre, Tage oder nur Sekunden zählen, – alles und jeder fixiert sich auf die Zeit, die noch bleibt. Die Parallelen zwischen dem Gebrauch von Zeit bei „In Time“ und von Geld in der Realität sind erdrückend. Fast als würde der eigene Kontostand auf dem Unterarm tätowiert sein und man genau sieht wie viel Geld dem einen noch verbleiben, während der andere ein kleines Vermögen mit sich herumträgt. Diese Grundidee, die handwerklich großartige und stylische Arbeit des Kameramannes, die ästethischen Bilder und der Spannungsbogen der handelnden Figuren hätten ausgereicht um „In Time“ zu einem großen Film werden zu lassen. Warum dies nicht funktioniert hat, ist wohl letztendlich dem System Hollywood zu verdanken. Denn auch hier zählt nicht die Genialität eines Films, sondern die Einspielergebnisse und irgendwie hatte man das Gefühl, dass der Regisseur unbedingt einen Erfolg landen musste. Darum auch die Wahl der Schauspieler, denn ein Justin Timerlake, der trotz Muskeln und Schauspieltraining so wenig in eine arme, harte Realität passt wie seine Mitspielerin Amanda Seyfried, die dem aktuellen Magerwahn angepasst wie eine leicht verhungerte Barbie wirkt, die eine Flucht aus ihrem verwöhnten Leben sucht und auf der Suche nach neuen Drogen sich dem Thrill des Überlebens hingibt, bedienen deutlich ein sehr junges Mainstream Publikum. Diese Jungdarstelleriege kann die Tiefe und Ernsthaftigkeit der Thematik nicht vermitteln und vermag es auch nicht die seelische Entleertheit der Gesellschaft wiederzuspiegeln. Ähnlich wie Bonnie und Clyde beginnen die Beiden Banken auszurauben und Zeit zu verteilen, lieben und verlassen sich und wirken dabei wie zwei von MTV gecastete Schauspieler, die vor allem ein junges Publikum ansprechen wollen.

Dem großen SciFi-Thriller mit der innovativ-brillanten Idee des letzten Jahres, Christopher Nolans „Inception“, kann dieser Film nicht das Wasser reichen, erreicht auch bei weitem nicht dessen große Komplexität und schafft auch keine erklärenden Ebenen. Denn „In Time“ erklärt im Grunde gar nichts, – verwechselt Interpretationsspielraum zu oft mit inhaltlicher Leere und strapaziert politische Metaphern fast bis zur Unerträglichkeit. So schön „In Time“ anzusehen ist, so dringen die Idee nicht weit bis unter die Oberfläche. Einzig der Zeitpolizist Cillian Murphy schafft es in wenigen Momenten jene düstere Beklemmung darzustellen, in die alle Menschen in diesem Film gefangen sind und vermag auch zu vermitteln, dass er eine weitaus ältere Seele besitzt als sein jugendliches Aussehen vermuten lässt. Das bizarre Detail am Rande von „In Time“ ist die alterslose Gesellschaft, wo alle wie 25 aussehen, Mütter von ihren Töchtern nicht zu verwechseln sind und Männer keinerlei Falten mehr besitzen. Jeder kann sich fragen, ob so die Gesellschaft der Zukunft aussehen sollte.

Die verrinnende Lebenszeit als digitales Leuchttattoo auf dem eigenen Unterarm bleibt auch nach dem Film prägend. Eines wird sehr deutlich, – wie wichtig und kostbar Zeit ist. Und die eigene Lebenszeit jedes Menschen ist die eigentliche Währung des Glücks, – dessen sollte man sich bewusst werden. Eines hat „In Time“ auf alle Fälle erreicht, – es ist ein Film, der Lust aufs Leben, auf den erlebbaren, wunderschönen Moment macht und allein deswegen auch danach noch eine intensive Wirkung besitzt.

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