Verblendung

Es gibt vielleicht noch Menschen, die noch nie etwas von diesen drei Kultbüchern des Autors Stieg Larsson gehört haben, – wer dazu gehört, aber auch alle Fans der Bücher sollten schnell ins Kino gehen, denn mit „Verblendung“ wurde jetzt das erste Buch, – nach der schwedischen Verfilmung, von David Fincher für den internationalen Markt mit bekannten Gesichtern und viel Geld neu verfilmt.

Der Plot spannt sich trotz seiner über zweieinhalb Stunden Länge straff über die Leinwand und wirkt dabei wie ein Stück Haut, dass dem Buch abgezogen und diesem Film übergeben worden ist, – das Drehbuch passt perfekt und vermag bis zum Schluss zu fesseln. Allein der Beginn des Films ist ein Film in sich. Aus ineinander fließenden Strömen von flüssigem Teer und geschmolzenem Metall formen sich die Skulpturen der beiden Hauptdarsteller. Ob es eine Verschmelzung, ein Liebesakt oder eine grausame Auflösung in einer giftigen Flüssigkeit ist wird dabei offen gelassen. In ihrer präzisen Komposition und unglaublichen Ästhetik erinnern die in metallisch-schwarzer Farbpalette gehaltenen Anfangseinstellungen an die tragenden Elemente des folgenden Films. Beide Hauptfiguren, der Journalist und die junge Punkerin, haben eine Leidenschaft und besondere Spezialität, – das Enthüllen. Und dabei ist es nur logisch, dass beide sich letztendlich auch selbst enthüllen, wie der Vorspann zeigt und in der Offenlegung ihrer Körper und Seelen auch viel Gefahr und Angst verborgen liegt.

Dieser metaphorische Bilderreigen ist ein genialer Einspann zum folgenden Film, dessen Geschichte als mittlerweile bekannt  beim Zuseher vorausgesetzt werden darf. Dennoch gelingt es dem Regisseur David Fincher die Geschichte von Hass und Rache, Jägern und Gejagten, dunklen Geheimnissen und letztendlich von Gut und Böse neu zu erzählen, wobei die Grenzen schwimmend und verfließend sind wie die ersten Sekunden des Films schon andeuten. Für alle die, welche die Geschichte dennoch nicht kennen, – „Verblendung“ handelt vom Journalisten Mikael Blomkvist, der gerade um seinen Ruf bangt und seine Reputation als aufklärerischer Journalist wegen mangelnder Beweisführung vor Gericht verloren hat. In dieser schwierigen Zeit wird er von einem steinreichen Industriellen angeheuert, um das Geheimnis seiner vor zwanzig Jahren spurlos verschwundenen Enkelin aufzuklären. Blomkvist nimmt an, zum einen wegen dem Geld, aber auch, weil der Auftraggeber Beweismaterial verspricht, mit dem er sich als Journalist wieder rehabilitieren könnte. Bei der Aufklärung des Falles steht ihm die blutjunge, rebellische Hackerin Lisbeth Salander zur Seite, die Rache nehmen möchte an all dem Bösen in der Welt, insbesondere, wenn dies männlich ist. Beide entdecken hinter dem Verschwinden der Enkelin die blutrote Spur eines Serienkillers, dessen grausame Taten bis in die Gegenwart der Industriellenfamilie zu reichen scheint. Diese Spur zu enthüllen und das Geheimnis zu lüften, schweißt beide Hauptfiguren zusammen bis zum brutalen Ende.

Die eigentliche Story aber in dieser Geschichte ist die Welt rund um Lisbeth Salander, mit deren Entwicklung dem Autor Stieg Larsson eine Kultfigur gelungen ist. Lisbeth Salander hat trotz ihrer noch so jungen Jahren Furchtbares erleben müssen, eine missbrauchte Kinderseele, die mit aller Härte in diesem zarten Körper um ihr Recht auf Leben, Liebe und Selbstbestimmung kämpft. Gepierct, mit einem Drachen tätowiert, hochintelligent, Einzelgängerin, verschlossen, fotographisches Gedächtnis, Computergenie, vergewaltigt, verletzlich und skrupellos, ist sie eine Art Cyper-Rächerin aller Frauen, die als Opfer von Gewalt und Missbrauch Böses mit Bösem vergilt. Das Thema der „Rache“ zieht sich bei „Verblendung“ als roter Faden durch den Film, durch das Leben von Lisbeth Salander und auch durch die Werke von David Fincher. Getragen von einem guten Schauspielerensemble ragen Daniel Craig, der seinen Journalisten souverän anlegt und in dieser Figur weitaus besser gefällt als in vielen anderen, 007 geprägten Filmen, und die noch relativ unbekannte Ronney Mara heraus, die es schafft der facettenreichen Romanfigur ein Gesicht zu verleihen, welches zugleich aus mehreren Gesichtern zu bestehen scheint. Mara vermag die vielen Seiten der Lisbeth Salander zu verkörpern, ohne dabei verschiedene Klischees zu bedienen oder von zart auf hart zu springen. Sie legt ihre Figur weitaus stiller, verschlossener und subtiler an als die in der schwedischen Kinoversion von Noomi Rapace gespielte Lisbeth, und macht sie dadurch zwar zerbrechlicher, aber auch dem Zuseher zugänglicher. Trotz ihrer gezeigten Härte und kühlen Verschlossenheit wirkt sie als Figur, als Frau, Mädchen, Mensch weitaus interessanter und Maras Lisbeth ist in ihrer Stummheit schillernd und unberechenbar zugleich. Die kaltblütige Klarheit in ihren Taten steht in eklatantem Widerspruch zu Lisbeths fragilem Äußeren, dem Punkstil und den vielen Piercings im Gesicht, – sie wirkt wie ein verlorener Racheengel mit grazilem Audrey-Hepburn Körper und scheuem Ausdruck in den Augen, die gar nicht zu solch einer Brutalität fähig ist, die sie dann im Zuge ihrer Rache an jenen Menschen zeigt, die ihr Böses angetan haben. Neben den zwei Hauptcharakteren ist der ewige Winter, – die klirrende Kälte, das blendende Weiß des Schnees die dritte Hauptfigur in diesem Film und für alle Zuseher wird die Kälte, das Eis durch die wunderschönen Landschaftsaufnahmen und Nahaufnahmen frierender Gesichter spürbar.

„Verblendung“ ist ein Kunstwerk der ganz eigenen, besonderen Art und Finchers Talent für protokollarisches, aber geschmeidiges Erzählen kommt hier besonders gut zum Tragen, untermalt von düsteren Bildern und pulsierenden Gitarrenriffs eines alten Led-Zeppelin Songs. Ein Film, ganz im Zeichen vom Eleganz und Stil gehalten, von Klarheit und bildnerischer Schönheit, der eine seltsame Kombination von klassischem Journalismus zeigt, der sich mit der androgynen Figur des Internets einlässt und sie zur Komplizin macht. Auf der Suche nach dem Mörder treffen Printschreiber und die Generation der Blogger und Twitterer zusammen und reichen sich die Hände im Namen einer höheren Gerechtigkeit. Und das macht den Reiz dieses Filmes zusätzlich noch aus, denn von den gut zweieinhalb Stunden des Films spielt ein Drittel in Bibliotheken, Archiven, Redaktionen, an Schreibtischen und Aktenregalen, zeigt aber auch die Arbeit am PC und das Hacken und Beschaffen von geheimen Daten. Neben vielen gelungenen Details wie den in erlesenen Sepiafarben gehaltenen, gezeigten Bildern der sechziger Jahre, die in Rückblenden das damalig Geschehene erzählen oder der abgeschiedenen Einsamkeit und den verlorenen Raumfluchten des Anwesens auf der Privatinsel, ist die Verbindung von klassischer Recherche und modernen Methoden der vielleicht schönste Zug dieser Verfilmung. Und die  Bilder, welche Lisbeth und Blomkvist in Archiven und alten Fotoalben entdecken, fließen wie entfesselt über die Leinwand, als hätte die digitale Verwandlung sie erst richtig zum Leben erweckt und zur Erscheinung gebracht.

Eine immer wieder gestellte, langsam schon müßige Frage zum Schluss, – warum eine Neuverfilmung der schwedischen Version von „Verblendung“? Dies kann man ganz einfach und klar beantworten, – verschiedene Menschen interpretieren ein Buch anders und lassen sich auf andere Art und Weise von einer faszinierenden Geschichte inspirieren, – die Tatsache, dass es bereits einen Film gibt, ist kein Argument dagegen und von einem „Original“ braucht man daher auch nicht bei der europäischen Version zu sprechen. Möge dieses Buch, – diese Trilogie, die Figuren darin, der schwarze, tätowierte Racheengel noch viele Filmschaffende und Künstler inspirieren, – denn das ist schließlich das Größte, was Kunst vermag, – wenn es so genial beschaffen ist, dass es andere, eigenständige Künstler zu einer neuen Interpretation verführt und motiviert. Und wenn es so gelungen ist wie bei David Finchers „Verblendung“ kann man nur hoffen, dass auch die zwei anderen Teile in ähnlicher Qualität auf die Leinwand gebannt werden wie dies hier geschehen ist.

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